Mursi

Der Volksstamm der Mursi lebt im unteren Omo-Tal, im Südwesten Äthiopiens. Ihr Siedlungsgebiet liegt zum Teil im Mago-Nationalpark. Die Mursi leben traditionell als Ackerbauern und Viehzüchter. In der Trockenzeit nutzen sie das fruchtbare Ufer des Omo-Flusses, um Bohnen, Mais, Erbsen und Sorghum anzubauen.

In der Regenzeit stehen den Mursi weitere Ackerflächen zur Verfügung. Aufgrund des wechselhaften Wetters sind die Mursi häufig von Missernten bedroht. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist stets knapp, wird aber in Notfällen durch die Rinder gesichert, welche bei den Mursi eine herausragende Rolle spielen. Milch, Fleisch und Blut der Tiere sind reich an Proteinen und werden bei benachbarten Völkern gegen Getreide eingetauscht. Das Blut der Rinder wird durch einen gezielten Schuss mit Pfeil und Bogen gewonnen. Es fließt aus einer Ader direkt in ein Gefäß und wird sofort getrunken. Die Rinder verkraften diese wiederkehrende Prozedur problemlos.

Körperschmuck der Mursi

Aufgrund der überaus harten Lebensbedingungen im Omo-Tal zählt das Naturvolk der Mursi kaum mehr als 10.000 Angehörige. Auffällig ist ihre schlanke hochgewachsene Gestalt und ihr außergewöhnlicher Körperschmuck. Die Frauen des Stammes tragen große Lippenteller aus Holz oder Ton. Zu diesem Zwecke wird die Unterlippe in Jugendjahren aufgeschnitten und immer weiter gedehnt. Dabei kommen nach und nach größere Teller zum Einsatz. Die Ohrläppchen werden einer ähnlichen Prozedur unterzogen.

Der Lippenteller ist bei den Mursi ein unverzichtbares Schönheitsideal. Der Brautpreis den der Bräutigam an die Familie der Braut entrichten muss bemisst sich unter anderem an der Größe des Lippentellers. Im Zuge des zunehmenden Tourismus im Omo-Tal haben sich die Mursi-Frauen mit ihren Lippentellern zu einem beliebten Fotomotiv entwickelt, für das von den Reisenden entsprechend gezahlt werden muss. Die Mursi-Krieger verzieren ihre Körper durch geometrische Narben, die sie sich ganz bewusst zufügen.

Vor wichtigen Stammesritualen bestreichen sie ihre Körper mit heller, Asche in die sie bestimmte Muster einzeichnen. Die Einnahmen aus diesen Fotosessions werden zwiespältig betrachtet. Das schnelle Abfotografieren der Mursi und ihrer Körperverzierungen mag entwürdigend anmuten, andererseits ermöglichen die Einnahmen daraus die gefürchteten Ernteausfälle zu überbrücken. Allerdings werden die Einnahmen auf für den Konsum von Alkohol missbraucht, was die traditionellen Stammesstrukturen der Mursi schwächt und ihr überleben gefährdet.

Rituale der Mursi

Wie bei verschiedenen Völkern Äthiopiens üblich, praktizieren auch die Mursi den Stockkampf. Zwei durch Polster geschützte Kämpfer stehen sich gegenüber und schlagen mit langen Stöcken aufeinander ein. Dabei kommt es nicht selten zu größere Verletzungen. Der Stockkampf dient der endgültigen Entscheidung von Streitigkeiten, wird aber auch als eine Art Freizeitsport behandelt, bei dem sich die Männer vor den heiratswilligen Frauen des Dorfes präsentieren können.

In der Gegenwart ist die Existenz durch die Veränderung ihrer Umwelt bedroht. Das Land leidet unter zunehmendem Wassermangel, brauchbares Ackerland wir immer knapper. Durch die Dürre kommt es zu Konflikten mit benachbarten Völkern, die ebenfalls Anspruch auf die knappen Ländereien anmelden. Jeder erwachsene Krieger verfügt über eine Kalaschnikow, die neben den Rindern das zweitwichtigste Statussymbol darstellt. Gelegentlich kommt es zu blutigen Scharmützeln mit den Nachbarn.